Ein Sonntag im Kurort

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Sonntagsausflug. Was früher ein gehasstes Wort war – hat es doch bedeutet, mit Papa und Mama auf irgendeinen Berg klettern zu müssen – ist heute der Inbegriff von Glückseligkeit. Heute denke ich dabei nämlich an lange Spaziergänge durch das herbstliche Salzburg, gemütliche Nachmittage in einem neuen Café und spontane Roadtrips  – so geschehen zum Beispiel: gestern. 

Das Monte Carlo der Alpen – wirklich?

Wir waren in Bad Gastein – mit dem Zug. In nur 1,5h ist man von Salzburg aus in der alten Kaiserstadt und die hat es ordentlich in sich. Wir haben dort meinen Papi besucht, der dort momentan „kuriert“ und schon nach knapp einer Woche sehr viel über seine „neue Heimat“ weiß. Bereits am Bahnhof konnte er so nicht anders, als uns die Plakette zu zeigen, laut der sich Kaiser Franz Joseph 1905 „huldvollst geruht habe, die Bahnlinie allerhöchstselbst feierlich zu eröffnen“. Weiter geht es dann bergab in Richtung Zentrum. Und dessen Lage ist wirklich skuril: Die an den Steilhängen um den spektakulären Wasserfall entstandenen Häuser sind durch enge Gassen miteinander verbunden und wirken dank den markanten Klippen fast wie Hochhäuser in einer Großstadt. Ein Hotel reiht sich dabei an das nächste, vom Grand Europe Hotel, über das Hotel Mirabell bis hin zum Haus Ella. Das Ungewöhnliche daran? Sie stehen leer. Das „Monte Carlo der Alpen“ ist nicht mehr ganz so viel Carlo sondern viel mehr Jesolo. Die Plaketten an den Häusern zeugen dabei noch von besseren Tagen: Fürst Bismarck habe hier in den Jahren 1877 bis 1886 x-mal in diesem Hause gewohnt, König XY habe so und so oft dort genächtigt und Franz Josef Strauss war auch ein gern gesehener Gast.

Wo Könige & Kaiser urlaubten

Doch wo sich einst der König von Jordanien zum Dinner traf, sitzen heute nur Kurgäste und vereinzelt Einheimische. Hässliche Bausünden aus den 1970ern und Spekulanten, die trotz Renovierungsversprechen ihre Immobilien im Ortszentrum brach liegen lassen, beschleunigen den Verfall des historischen Ortes. Gleich fünf der wichtigsten Immobilien im Zentrum gehören einer Wiener Immobiliengruppe, die sich wohl mit der Stadt verkracht hat und seit Jahren nichts mehr investiert. Die Opfer: Haus Austria, das Kongresshaus, Hotel Straubinger, das Badeschloss und das k. u. k. Postamt – der Putz bröckelt langsam, die Fensterscheiben sind blind. Das Hotel Straubinger liegt direkt am Wasserfall und war einst das größte Hotel im Kurort. Das Hauptgebäude wurde von 1840 bis 1842 anstelle der 1509 errichteten Taverne erbaut und befand sich noch bis in die 1980er Jahre im Besitz der Familie Straubinger. Heute steht das Haus leer und wartet auf bessere Zeiten. Wenn man langsam durch die Gassen schlendert und durch die Fenster blickt, entdeckt man noch pompöse Ledersessel, gedeckte Tische und Blumen, die seit Jahren trostlos am Fensterbankerl stehen. Man könnte fast vermuten, die Betten seien noch gedeckt, hinter diesen  traurigen Fenstern.

Die Kombination von Alt & Neu

Und dann entdeckt man doch noch kleine Juwele: Das Gasthaus Jägerhäusl zum Beispiel, oder das Café Kraftwerk, das im – Überraschung – alten Kraftwerk entstanden ist. Mit viel Witz verbindet man hier Tradition mit der Moderne, man lässt seine Gäste zwischen den alten Turbinen Platz nehmen und serviert feinen Marillenkuchen zum Gasteinerwasser. Nebenbei prescht der Wasserfall von den Bergen und zieht den Nebel immer tiefer ins Tal. Es könnte fast romantisch sein – wären da nicht die vertrockneten Blumen am Fensterbankerl.